Die Anwälte des Teufels. Oder: „Rettet das Schimpfwort!“

Wenn es um das N.-Wort geht, hört man erstaunliche Argumente: „Das sagt man so“, „Es ist nicht böse gemeint“, „Ich kenne Afrikaner, die das nicht schlimm finden“, „Man muss nicht jedes Wort auf die Goldwaage legen“… Ist es geistige Trägheit oder Respektlosigkeit?

Die jüngste Diskussion über das N.-Wort zeigt wieder einmal, wie es um die Bereitschaft zum Umdenken steht. Offensichtlich fällt manchen Leuten der Abschied vom schlimmsten Schimpfwort für Afrikaner schwer. Jetzt, wo das Wort nach langem Kampf weitgehend aus dem Sprachgebrauch vertrieben worden ist, ruft man zu seiner Erhaltung in Neuauflagen auf.

Das Kinderbuch als letzte Bastion im Kampf gegen das Umdenken! Entsprechend hysterisch wirft man mit Schlagwörtern um sich: „Zensur!“, „Fälschung!“, „Vergehen an der Literatur!“, sogar „Grundgesetz!“ Warum nicht gleich „Menschenrecht auf Beschimpfung“?

Es ist erstaunlich, wie schwer es manchen Leuten fällt, sich in die Lage anderer zu versetzen.

Erstens: Es ist keine Zensur, wenn man das N.-Wort durch „Schwarz“ ersetzt, denn der Inhalt wird nicht geändert: Die gemeinte Person bleibt schwarz. Eine Verfälschung des Inhalts wäre es nur, wenn man unterstellt, dass der Autor bzw. die Autorin mit dem Wort eine Verunglimpfung der Afrikaner beabsichtigte. Auf ein solches Kinderbuch könnte, ja, müsste man ganz verzichten. An dieser Stelle ist die Vermischung von Sachverhalten offenzulegen, die Ulrich Greiner vornimmt, indem er auf Uwe Timms Morenga verweist: Es gibt einen Unterschied zwischen einem historischen Roman, der eine bestimmte Epoche abbildet, und einem Kinderbuch, das eine fiktive – zeitlose – Geschichte erzählt. Im ersten Fall hat das N.-Wort eine grundlegende Funktion, während es im zweiten Fall nur die Unbekümmertheit in der Entstehungszeit verrät, eine Information, die für Kinder völlig irrelevant ist. Insofern ist der Vorwurf der „Geschichtsklitterung“ haltlos. Hinsichtlich des Verweises auf Schiller u.a. ist anzumerken, dass kleine Kinder solche Texte nicht lesen. Alles zu seiner Zeit! Sonst könnte man die Altersgrenze bei Filmen auch abschaffen.

Zweitens: Dass das N.-Wort früher nicht verletzend gewesen sei, ist schlichtweg falsch: Es war von Anfang an als Herabwürdigung des Afrikaners gemeint. Nicht zufällig gelangte es Ende des 17. Jh. in die deutsche Sprache, als man das Wort „Rasse“ auf Menschen übertrug, um einen Unterschied zwischen Weißen und anderen zu konstruieren und so die Unterdrückung nicht-europäischer Völker zu rechtfertigen. Wer an der grundsätzlich negativen Bedeutung des N.-Wortes zweifelt, kann versuchen, einen Ausdruck zu finden, in dem es keine Beleidigung beinhaltet. (Daran ändert auch nichts, dass Afrikaner das Wort verwenden: In Surinam nennen sich die Schwarzen sogar „Busch-N.“, eben weil sie von den Holländern als solche bezeichnet wurden.) So hat sich nicht die Bedeutung des Wortes gewandelt, wie Ulrich Greiner behauptet, sondern das Bewusstsein der Menschen. Die Einsicht in die menschenverachtende Konnotation des Begriffs hat zur Distanzierung von dessen Gebrauch geführt, und das ist der Ausdruck eines geistigen Fortschritts. Genau dieses Bewusstsein lässt der Autor vermissen, wenn er in den beleidigenden Sprachgebrauch zurückfaÅNllt und grundlos schreibt:

„Lukas ist der Karnevals-N., Jim Knopf der richtige N.“ Daran erkennt man, dass das Problem nicht nur bei den Illiteraten liegt. Wie soll das Wort aus dem Sprachgebrauch verbannt werden, wenn Kinder es in Büchern lesen können?

Drittens: Es ist irreführend, das Grundgesetz in diesem Zusammenhang ins Feld zu führen,wie der Autor es tut. Wenn die Ersetzung eines Schimpfwortes schon Zensur wäre, dannkönnte man sich auf denselben Artikel 5 des Grundgesetzes berufen und die Bestrafung vonVolksverhetzung auch als Zensur bezeichnen, denn im ersten Satz heißt es: „Jeder hat dasRecht, seine Meinung in Wort, Schrift und Bild frei zu äußern und zu verbreiten […].“Statt maßloser Übertreibung und Verspottung, bis zum absurden Hinweis auf die Aggressivitätvon Kindern, könnte sich der Autor fragen: Wie ernst meint man es mit dem „respektvollen Umgang“, wenn man die Gefühle des Anderen missachtet? Ist Pippi Langstrumpf in der korrigiertenFassung uninteressant geworden? Geht etwas Wichtiges verloren, wenn man ein unsäglichesWort ersetzt? (Die alten Fassungen bleiben ja für die Wissenschaftler erhalten!) Werim Namen der Authentizität an der unnötigen Reproduktion von Verunglimpfungen festhält,der erwartet nicht nur, dass Kinder wissenschaftlich mit Büchern umgehen; er plädiert auchfür die Gleichgültigkeit gegenüber dem Anderen.

Dr. Moustapha Diallo: Literaturwissenschaftler

Studium in Senegal, Österreich, Frankreich und Deutschland.Veröffentlichungen über Germanistik in Afrika, Interkulturelle Kommunikation, Afrika in derdeutschen Literatur, literarischen Postkolonialismus

3 Kommentare

  1. danke für die eindeutige klarstellung als antwort auf die rückwärtsrepublikaner in dieser gesellschaft.
    wie schwer sich viele teutonen mit einsichten aus sprache und geschichte tun, musste ich jetzt wieder in einem blog von freitag-online erfahren. angeblich geht es da um die herrschaftsstrategie zur abschaffung des wortes n*.
    der muff von tausend jahren ist durch die studentenrevolte nicht gelüftet worden, er müffelt auch nicht nur unter den talaren, sondern fast überall.

    freundliche grüße
    jürgen gross

  2. Ich möchte aber anmerken, dass mir bei der Argumentation im eben erwähnten Freitagsblog die hier gefundenen Beiträge sehr sehr geholfen und mich bestätigt haben. Ich habe mich lange nicht so aufgeregt wie bei der Auseinandersetzung um dieses verdammte N-Wort.
    Von daher – Eure Arbeit ist wichtig und notwendig.
    Beste Grüße
    Magda

  3. Gestern war eine tolle Veranstaltung in Tübingen zum Thema Rassismus und Sprache. Ca. 200 Menschen waren anwesend. Es war toll, wie die Referenten, auch Schwarze Referenten vortrugen. Ein großer Schritt für die Sensibilisierung der Weiß sozialisierten Weißen. Ich selbst bin Weiß und habe erst durch Aufklärung gelernt, dass viele Wörter einfach nicht gut sind. Ich hoffe, dass ich einen Beitrag durch meine ehrenamtliche Arbeit am Runden Tisch Antidiskriminierung Reutlingen leisten kann, dass weniger Diskriminierung stattfindet. Übrigens war auch der Oberbürgermeister Palmer von Tübingen anwesend, der in der M-Kopf-Debatte in Tübingen unglückliche Äußerungen machte. Ich hoffe, dass er nun gelernt hat, dass vieles was für Weiße unproblematisch wirkt, dies absolut nicht unproblematisch ist, oft sogar rassistisch ist. Ich wünsche allen Erfolg, hier unsere Gesellschaft zu ändern und spreche meine Solidarität mit allen Schwarzen und Betroffenen aus.